Sprache schafft Realität – Wir sollten alle Expert*innen im Thema Diskriminierung werden
21. September 2026Prävention von Diskriminierung und Rassismus im Unterricht
21. September 2026Sprachlosigkeit und Ohnmacht etwas entgegensetzen von Yvonne Rogoll
Das Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage will Kindern und Jugendlichen helfen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und selbstständig für ihre Rechte, Interessen und Bedürfnisse einzutreten. Als „Dienstleister“ kann es Unterstützung auf vielfältige Weise bieten: Es kann z. B. Kinder in Workshops über Kinderrechte aufklären, mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, was Rassismus ist und wie man ihn erkennen und ihm begegnen kann, wie man sich mit Diskriminierung auseinandersetzt und damit umgeht, wie man sich verhält, wenn man Gewalt erlebt, und wo man sich ggf. Hilfe holen kann. Getragen wird das Netzwerk von einer breiten Anzahl zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. In NRW ist die Landeskoordination bei einem Trägerverbund – bestehend aus dem Ministerium für Schule und Bildung, der GEW NRW und dem DGB-Bildungswerk NRW – angesiedelt. 54 Regionalkoordinationen des Netzwerks sind hauptsächlich an Kommunalen Integrationszentren verortet. Die eigentliche Arbeit leisten die Kinder und Jugendlichen in ihren Schulen allerdings selbst und vor Ort. Ein Beispiel für diese Arbeit ist die Courage AG des Carl-Reuther-Berufskollegs in Hennef. Seit 2018 ist die Schule Mitglied im Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und beschäftigt sich seitdem kontinuierlich unter anderem mit den Themen Gewalt, insbesondere gegen Frauen und Kinder, Ausgrenzung und Mobbing sowie mit den Themen Integration und Identität. Das Engagement zum Orange Day zeigt exemplarisch, wie in der AG gearbeitet wird. Der Orange Day ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Viele Klassen des Berufskollegs bauen orangefarbene Bänke, die sowohl ein sichtbares Zeichen speziell gegen diese Art von Gewalt setzen als auch auf wichtige Hilfsangebote wie Notfallnummern und Kontaktdaten aufmerksam machen sollen. Besonders augenfällig ist dabei die Bank, die im Auftrag der Stadt Königswinter nach dem Entwurf der 18-jährigen Mika hergestellt wurde. Mika erklärte: „Auf Wunsch der Stadt sollte die Bank besonders groß werden, damit man sich auch ein wenig so fühlt wie ein Kind. Sie ist drei Meter lang und wird von einem Kind und einem Erwachsenen gerahmt, denn das Thema Gewalt betrifft alle, Große wie Kleine!“ Die Bank steht zentral am Rhein. Auch die anderen 32 Bänke, die die Schule schon hergestellt hat, sind auf öffentlich gut zugänglichen Plätzen, z. B. vor Rathäusern, Schulen, Kliniken, Gerichtsgebäuden oder Polizeipräsidien, zu finden.
Bedeutung der Courage-Arbeit für die Schüler*innen Welche Bedeutung die Courage-AG des Berufskollegs für die Schüler*innen hat, zeigt die Aussage von Maheteme (22), der vor sechs Jahren aus Äthiopien nach Deutschland kam, kürzlich hier im Gymnasium Technik sein Abitur gemacht hat und jetzt mit dem Studium beginnt: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist ein Netzwerk, das eine Plattform schafft, wo junge Menschen Themen ansprechen können, die sonst oft kaum oder gar keine Beachtung finden. Indem die Courage-AG in einem geschützten Raum Austausch ermöglicht, können Schüler*innen ihre Perspektiven teilen, Tabus hinterfragen und Bewusstsein für wichtige gesellschaftliche Fragen entwickeln. Eines der vielen Projekte, an denen ich aktiv beteiligt war, hieß ,Was bedeutet Heimat für mich?‘. Viele Klassen aus völlig verschiedenen Schulbereichen und Bildungsgängen gestalteten digital Plakate, die in einer großen Ausstellung im Foyer der Schule zu sehen waren. Auf den ersten Blick dachte man, es sollte über Fakten und Geschichten verschiedener Länder informiert werden. Auf den zweiten Blick gelang etwas Größeres, nämlich den Begriff ,Heimat‘ aus engen politischen, zum Teil nationalistisch-rechtsextremen, Deutungen zu lösen und mit individuellen Bedeutungen zu füllen. ,Heimat‘ ist mehr als ein Dach über dem Kopf oder eine geografische Region. ,Heimat‘ ist ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Anerkennung und von Geborgenheit.“ Diese Ausstellung der Courage-AG war so beeindruckend, dass Maheteme und weitere Schüler*innen eingeladen wurden, sie auch auf dem landesweiten Courage-Fachtag in Bonn zu präsentieren und zu moderieren.
Empowerment von Kindern und Jugendlichen Das Thema Empowerment von Schüler*innen wurde von dem 18-jährigen Jan beim Auftakt eines Projekttags der Schule über „Gesundheit und Resilienz“ aufgegriffen. Er berichtete aus seinen bisherigen Schulerfahrungen, es gebe viele Kinder und Jugendliche, die sich nicht trauen würden, in ihrer Klasse darüber zu reden, dass sie z. B. eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben, dass sie unter Depressionen leiden oder dass es zuhause großen Stress gibt. Sie haben Angst, ausgegrenzt oder ausgelacht zu werden. Es sei aber besonders wichtig, aus dieser Sprachlosigkeit und Ohnmacht herauszukommen, sich stattdessen gegenseitig zu bestärken und aktiv etwas gegen diese Angst zu unternehmen. Jan lobte seine Schule und dass den Schüler*innen dort zugehört werde und sie sogar die Chance erhalten, zu diesem Thema völlig selbstständig einen Projekttag vorzubereiten und zu gestalten. Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit von Kindern und Jugendlichen sind ausgewiesene Ziele von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und werden an dieser Schule beeindruckend gelebt. Auf diese Weise wird ein wichtiger Beitrag zum Empowerment der Schüler*innen geleistet.
Ein Netzwerk funktioniert nicht im Alleingang Das Courage-Netzwerk funktioniert allerdings nicht im Alleingang, sondern es lebt von Kooperation – sowohl innerhalb der Schule als auch mit vielen externen Partner*innen. Die Courage-AG des Berufskollegs ist sehr gut vernetzt und lädt unterschiedliche Menschen und Vereine zu vielen verschiedenen Themen ein, wie z. B. Ibrahim Arslan, der Familienmitglieder bei einem rechtsextremistischen Anschlag verlor, Melissa Quint, die über ihren Großvater berichtet, der zwei Konzentrationslager überlebte und Shabnam Arzt, die als Exil-Iranierin über „Frau, Leben, Freiheit“ spricht, um damit den Zuhörenden Mut zu machen. Die Schüler*innen des Berufskollegs stellen ihre Projekte auch extern auf Fach- und Demokratietagen, Courage-Netzwerkveranstaltungen und sogar auf der Jahrestagung der kommunalen Jugendförderung im Rheinland vor. „Unsere Schüler*innen erleben das als große Wertschätzung ihres Engagements!“, so Eva Zoske- Dernóczi, Leiterin der Courage-AG der Schule.
Was noch zu tun bleibt Obwohl bereits über 4.000 Schulen mit mehr als zwei Millionen Schüler*innen Mitglieder des Netzwerks sind, ist noch viel zu tun. Es geht nicht darum, ein Gütesiegel an die Schultüre zu hängen. Der Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist eine Selbstverpflichtung – ein Auftrag an die ganze Schulgemeinschaft – aktiv gegen jede Form von Diskriminierung einzutreten. Die Stärke des Netzwerks liegt darin, nichts von oben zu verordnen. Darin liegt aber ggf. auch seine Schwäche. Damit Projekte gelingen, ist es notwendig, dass Schüler*innen aktiv werden, dass Lehrkräfte mitziehen und dass dafür auch Zeit und Ressourcen vorhanden sind. Fehlen diese Bedingungen, droht die Courage-Arbeit zur Symbolik zu verkommen. Im Zentrum der Netzwerkarbeit steht die Befähigung der Kinder und Jugendlichen, ihre Stimme laut werden zu lassen, Verantwortung zu übernehmen und respektvoll und demokratisch Strukturen mitzugestalten. Oft gelingt das in Klassenräten, Schulparlamenten, in der Schüler*innenvertretung, in Schulkonferenzen, in vielfältigen Projekten sowie bei Kooperationen mit lokalen Initiativen und Vereinen. Die Kinder und Jugendlichen erleben so, dass ihre Ideen und ihr Handeln Wirkung entfalten können. Nach 30 Jahren lässt sich festhalten: Das Courage-Netzwerk hat viel bewegt. Es hat viele Menschen sensibilisiert, ermutigt und gestärkt. Es hat geholfen, Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Teilhabe in Schulen zur Sprache zu bringen. Aber: Es bleibt noch viel zu tun. Diskriminierung verschwindet nicht durch ein Logo, sondern es erfordert die kontinuierliche zielgerichtete Arbeit aller Beteiligten, um Diskriminierung entgegenzutreten und Empowerment zu fördern.
Yvonne Rogoll (sie/ihr) Landeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage NRW Bezirksregierung Arnsberg Landesstelle Schulpsychologie und Schulpsychologisches Krisenmanagement (LaSP)
Besuchsanschrift: Ruhrallee 1-3, 44139 Dortmund Postanschrift: Märkische Straße 8-10, 44135 Dortmund
www.schule-ohne-rassismus-nrw.de
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