Das Gespräch führten Neslihan Arikan und Rosella Benati, Geschäftsführung des ZMI
Staatsministerin Natalie Pawlik ist Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und zugleich Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus. Im Interview mit dem ZMI äußert sie sich über Sprache als Machtinstrument, Mehrsprachigkeit und Verantwortung im öffentlichen Raum und betont:
ZMI: Frau Pawlik, wenn wir über Antirassismus sprechen, sprechen wir auch fast immer über Sprache. Wo beginnt für Sie persönliche und politische Verantwortung im Umgang mit Worten – und wann wird Sprache aus Ihrer Sicht zur Grenze des Zumutbaren? Natalie Pawlik: Verantwortung beginnt dort, wo Sprache die Würde jedes Menschen achtet und nicht instrumentalisiert. Für uns Politikerinnen und Politiker im Bundestag oder in der Bundesregierung gilt das noch einmal ganz besonders. Unsere Worte prägen Debatten und Diskurse, sie können Vertrauen schaffen oder zerstören und demokratische Spielregeln in Frage stellen. Die Grenze des Zumutbaren ist dann überschritten, wenn Sprache Menschen abwertet, rassistisch beleidigt oder Sprache gezielt eingesetzt wird, um auszugrenzen. Der Versuch, Diskurse und das Sagbare durch Sprache zu verschieben, muss das erste Alarmzeichen sein. Denn aus Worten können Taten werden. ZMI: Wenn führende Politiker*innen mit polarisierender Sprache arbeiten, welche Auswirkungen hat das auf das gesellschaftliche Klima und auf das Selbstverständnis einer Stadtgesellschaft – etwa für das sogenannte „Stadtbild“, für Debatten oder das öffentliche Miteinander? Natalie Pawlik: Unsere Aufgabe als Verantwortungsträger ist es, die Realität und Normalität von gesellschaftlicher Vielfalt zu ordnen, Brücken zu bauen, Zugehörigkeit zu stärken und Probleme vor Ort zu lösen. Das muss der Anspruch sein und dann geht es nicht um gelesene Herkunft von Menschen, sondern um marode Schulen, Kriminalität im Bahnhofsviertel oder faire Zugänge zum Arbeitsmarkt. Politik muss das Leben der Leute leichter machen, gleichberechtigte Teilhabe schaffen, den Zusammenhalt stärken. Mit schnellen Schlagzeilen gelingt das nicht, mit Sprache, die ausschließt, erst recht nicht, sondern mit akribischer Arbeit an der Sache und einer inklusiven Spra-
„Worte schaffen Wirklichkeit“
che, die alle 83 Millionen Menschen im Land mitnimmt.
ZMI: Wo sehen Sie aktuell die größten Defizite im Umgang mit Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum – und welche konkreten Schritte sind nötig, um hier nachhaltige Veränderungen zu erreichen? Natalie Pawlik: Mehrsprachigkeit wird zu oft als Makel, nicht als Chance und Bereicherung, gesehen. Vor allem dann, wenn Kinder zu Hause eine andere Familiensprache als Deutsch sprechen. Ebenso ist eine Hierarchisierung von Mehrsprachigkeit nicht von der Hand zu weisen: Warum soll es besser sein, zu Hause Spanisch oder Schwedisch zu sprechen als Türkisch oder eine afrikanische Sprache? Wir brauchen in diesem Bereich mehr diversitätssensible Fortbildungen für Lehrkräfte und obligatorische Module zu Mehrsprachigkeit während des Studiums oder der Ausbildung. Weil es mir grundsätzlich um mehr Wertschätzung von Mehrsprachigkeit in einer global vernetzten Welt und in unserer vielfältigen Gesellschaft geht, fördere ich bundesweit den Mehrsprachen-Wettbewerb Mehr Sprachen – mehr WIR. Da machen über 200 Schulen mit, Schülerinnen und Schüler zeigen ihr rhetorisches Talent mit einem Redebeitrag zum Thema ihrer Wahl – einmal auf Deutsch, einmal in einer von 42 anderen Sprachen. Die Beiträge der Jugendlichen sind wirklich beeindruckend, sie sind stolz auf ihre Mehrsprachigkeit. Im Dezember haben wir beim Bundesfinale die Besten ausgezeichnet.
ZMI: Aus Ihrer Erfahrung: Was braucht es heute, damit Stimmen, die lange überhört wurden, reale Wirkung im politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozess entfalten können? Natalie Pawlik: Zunächst einmal muss die Sichtbarkeit deutlicher sein, etwa auch von Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte. Das sind 21 Millionen Menschen in unserem
Land, aber in vielen Bereichen, im öffentlichen Dienst, in den Parlamenten, in den Führungsetagen der Unternehmen, sind sie noch unterrepräsentiert. Da müssen wir nachlegen, besser werden, aber da geht es auch voran. So hat die letzte Bundesregierung zum Beispiel für die Bundesverwaltung eine Diversitätsstrategie beschlossen, damit in allen Ministerien die Personalgewinnung und -entwicklung darauf achtet, die Vielfalt unserer Gesellschaft widerzuspiegeln. Es zeigen aber auch viele Betriebe – vom Handwerksbetrieb bis zum DAX-Konzern – mit der „Charta der Vielfalt“ weiter Flagge für Diversity, Respekt und Gleichberechtigung, während in den USA oder anderswo fast alle Diversity-Programme eingestampft werden. Zudem fördere ich beispielsweise Gründerinnen mit Einwanderungsgeschichte, weil auch sie unsere Wirtschaft voranbringen. Also: Reale Wirkung entfalten wir immer dann, wenn wir Zugänge öffnen und gleichberechtigte Wege ebnen. Das treibt mich an, wenn ich jetzt für die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus neu auflege, Bildung als einen Schwerpunkt auf meiner Agenda habe oder mit Migrantenorganisationen als Partner auf Augenhöhe zusammenarbeite.
ZMI: Als ZMI arbeiten wir an der Schnittstelle von Mehrsprachigkeit, Bildung und Antirassismus. Welche Bedeutung messen Sie solchen Einrichtungen für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus und sprachlicher Teilhabe bei?
Natalie Pawlik: Das ZMI setzt dort an, wo gesellschaftliche Ungleichheiten entstehen: bei Sprache, Bildung und Anerken nung. An der Schnittstelle von Mehrsprachigkeit, Bildung und Antirassismus schaffen Institutionen wie das ZMI Räume, in denen Vielfalt nicht als Defizit, sondern als Ressource verstanden
wird. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur sprachlichen Teilhabe und Stärkung von Menschen, deren Stimmen in öffentlichen Debatten sonst zu oft überhört oder abgetan werden. Gleichzeitig fördern sie eine sachliche und informierte Auseinandersetzung mit Rassismus und seinen strukturellen Ursachen. ZMI: Vielen Dank!
