Die Sprachkäfige öffnen – Gedanken zur Bedeutung von „freier Rede“
21. September 2026Sprache macht Rassismus
21. September 2026von Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan
„Das war doch nicht so gemeint.“, „Nun hab` dich doch nicht so.“, „Ihr seid ja wirklich sehr empfindlich“ – mit solchen oder ähnlichen bagatellisierenden Äußerungen sind Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bzw. einer internationalen Familienbiografie in ihrem Alltag häufig konfrontiert, wenn sie auf diskriminierende und rassistische Bemerkungen hinweisen. Im Folgenden möchte ich auf Grundlage sprachwissenschaftlicher und psychologischer Erkenntnisse aufzeigen, welche Auswirkungen nicht nur sprachliche Gewalt und Diskriminierung haben, sondern auch, welche Rolle eine solche Bagatellisierung dabei spielen kann. Aus der Darstellung der Folgen für die Gesundheit betroffener Menschen ergibt sich ein moralischer Appell, zuzuhören und die eigene Sprachverwendung zu reflektieren.
Sprache als Handeln: Sprechakttheorie Wie kommt es, dass Sprache uns berührt, dass Worte, die laut Redewendung nur „Schall und Rauch“ sind, Veränderungen in der Welt herbeiführen können? Hierzu gibt die Sprechakttheorie eine profunde Antwort. Sie basiert ursprünglich auf den sprachphilosophischen Texten von Austin (1957/2002) und ist später insbesondere von Searle (1982) ausgebaut und erweitert worden. Zentrale These der Sprechakttheorie ist, dass Sprache nicht nur ein Mittel der Handlungskoordination bildet, sondern selbst essenzieller Teil des menschlichen Handelns, des menschlichen In-der-Welt-Seins, ist. Mittels sprachlicher Ausdrücke versuchen wir uns einerseits die Welt, der wir begegnen, klarzumachen und sie zu verstehen, indem wir bspw. beschreibende, behauptende oder wertende Sätze verwenden (z. B. Der Garten ist sehr schön angelegt). Dies kann als „Wort-auf-Welt“-Verhältnis bezeichnet werden. Durch Sprache versuchen wir aber andererseits auch, die Welt zu verändern, so etwa durch Befehle, Anweisungen oder Aufforderungen (z. B. So, jetzt lauf los!). Beide Arten des Verhältnisses von Welt und Sprache haben dabei einen Einfluss auf die Welt: Wenn wir Menschen Befehle erteilen, sie auffordern oder ihnen gegenüber ein Versprechen machen, ist diese Veränderungsabsicht besonders deutlich. Aber auch das „Wort-auf-Welt“-Verhältnis, wenn wir eine Behauptung aufstellen, etwas beschreiben, feststellen etc., ist nicht neutral oder eine rein sachliche Beschreibung. Die Art, wie wir über etwas sprechen, beeinflusst maßgeblich unsere Einstellung und Gefühle. Dies wiederum kann konkrete Auswirkungen auf unsere Handlungen haben. Das Verhältnis zwischen Sprache und Handlungen ist daher insbesondere im Kontext rassistischer Diskriminierung hoch relevant.
Sprache schafft Wirklichkeit: Wenn aus Worten Taten werden Dass sprachliche Gewalt konkret zu körperlicher Gewalt führen kann, hat unter anderem Bade (2013) in einer sehr eindringlichen Untersuchung zu den NSU-Morden gezeigt. Der Tatgewalt, hier den rassistisch motivierten Morden an Menschen mit (vermeintlicher) Zuwanderungsgeschichte, ging bei einer Großzahl der Täter*innen eine Wortgewalt, eine gesellschaftlich-politische verbale Verunglimpfung und Herabwürdigung voran. Insofern ist es wichtig, dass wir uns mit dieser Form der Wortgewalt beschäftigen. Sprache ist kein bloßes Abbild der Wirklichkeit, sondern Sprache schafft Wirklichkeiten. Sprechen wir beispielsweise von einer „Flüchtlingsflut“ oder davon, dass „das Boot nun endlich voll“ sei, dann sind dies keine neutralen Beschreibungen der Welt, sondern es werden dadurch auch Ängste erzeugt. Unabhängig von den konkreten Sprechhandlungen einer einzelnen Person ist es jedoch auch geboten, den Fokus auf die in der jeweiligen Landessprache eingelagerten Rassismen zu richten, die in einer Vielzahl von Metaphern oder Redewendungen (z. B. „getürkt“, „Schwarzfahren“) subtil ausgrenzende Denkmuster erzeugen. Dadurch wird eine vermeintliche „Normalität“ dieser abwertenden Ansprache suggeriert. Eine weitere Dimension, wie durch sprachliche Formen Diskriminierungen Vorschub geleistet wird, ist der Umstand, ob zugewanderte Menschen in sprachlichen Texten eher in einer Aktiv- oder Passivkonstruktion, als Handelnde oder als Duldende, dargestellt werden (vgl. Hornscheidt, 2023). Sprache konstruiert also den Gegenstand, über den gesprochen wird, was insbesondere im Kontext von Diskriminierung weitreichende Folgen haben kann: Wird durch Sprache beispielsweise Angst erzeugt, kann dies mit Einstellungsänderungen einhergehen, sodass das Individuum subtil eine ablehnende Haltung zum Gegenstand der Äußerung entwickelt, wodurch wiederum die Reaktionen des Individuums beeinflusst werden können. Denn Ängste ihrerseits verengen unser Denken und unsere Urteilskraft; sie führen zu einer Selbstfokussierung und zu einem Rückgang der Empathie mit Anderen. Vor diesem Hintergrund kann auch erklärt werden, wie bestimmte politische Gruppen durch systematische angsterzeugende Kommunikation – mit kleinen „Pieksern in die Seele“ – Einstellungen zu kultureller/sprachlicher Vielfalt der Gesellschaft zu ändern versuchen, indem sie zugewanderte Menschen als „Eindringlinge“, als „Belastung des Sozialsystems“ oder als „Gewaltbereite“ adressieren. Dabei wird vielfach durch die Berufung auf die Meinungsfreiheit („Das muss man doch wohl sagen dürfen“) letztlich sprachliche Gewalt unsichtbar gemacht oder bagatellisiert. Eine solche Bagatellisierung von sprachlicher Gewalt kann also selbst als Form der sprachlichen Gewalt und als Mittel zu ihrer Durchsetzung identifiziert werden.
Mikroaggressionen: Auswirkungen von Rassismus auf die seelische Verfassung Rassistische Äußerungen führen – und das ist in der psychologischen Forschung gut belegt – zu gesundheitlichen Belastungen bei den davon betroffenen Personen. Diese Belastungen reichen von eher „erträglichen“ und bewältigbaren Stressreaktionen bis zu schweren psychischen Störungen (vgl. Kluge et al. 2020). Eindringlich ist das von Sue et al. (2007) mit Blick auf den therapeutischen Kontext behandelt worden. Dabei müssen rassistische Äußerungen oder Handlungen nicht immer in einer evidenten und juristisch belangbaren Form vorhanden sein, um solche Stressreaktionen hervorzurufen. Oft sind es sogar „lediglich“ tagtägliche „kleine Sticheleien“, sogenannte „daily hassles“, wie etwa infantilisierende oder imperative Anrede (z. B. „Ich Dir das sagen, du machen das“), mimische/gestische Herabsetzungen oder Ignoranz im Alltag. Auch das Übersehen oder Leugnen des von Diskriminierung durchzogenen Alltags von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kann ähnliche Effekte erzeugen. Die Essenz solcher Mikroaggressionen liegt in ihrer Unsichtbarkeit. Manchmal sind sie den Täter*innen nicht bewusst; manchmal auch den Opfern nicht; insbesondere, wenn sich eine gesellschaftliche „Normalität“ der Ungleichbehandlung etabliert hat. Was die konkrete Wirkung auf die Gesundheit betrifft, so ist die Metaanalyse von Pascoe und Smart Richman aus dem Jahr 2009 hervorhebenswert, die Ergebnisse aus insgesamt 134 Studien zusammengefasst hat: Pascoe und Smart Richman konnten darin u. a. zeigen, dass Stress, Bluthochdruck, Depression, Ängstlichkeit, sozialer Rückzug, aber auch eine Erhöhung der psychischen Verletzbarkeit mit erlebter Diskriminierung einhergehen. Personen, die sich wegen ihrer (zugeschriebenen) Herkunft diskriminiert fühlten, litten häufiger unter psychischen wie auch physischen Beschwerden. Zugleich zeigt sich jedoch, dass die Stressreaktion, der das Individuum bei rassistischer Diskriminierung ausgesetzt ist, auch von Variablen wie Bewältigungsverhalten und sozialer Unterstützung abhängig ist. Die zusammengefassten Studien sind zwar stark auf US-amerikanische Verhältnisse fokussiert, aber auch eine deutsche Studie mit Daten von 1.844 zugewanderten Personen, die im Durchschnitt schon weit über 20 Jahre in der Bundesrepublik lebten, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis (vgl. Igel et al. 2010).
Moralischer Appell: Zuhören, Annehmen und die eigene Sprache reflektieren In Zusammenhang mit den gesellschaftlichen „Integrationsdebatten“ muss unterstrichen werden, dass gesundheitliche Probleme, physische wie psychische, die gleichberechtigte soziale Teilhabe unmittelbar und direkt erschweren. Die Auswirkungen von tagtäglicher (sprachlicher) Diskriminierung für die psychische und physische Gesundheit betroffener Personen sind enorm. Gleichzeitig zeigt sich, dass bei starker sozialer Unterstützung weniger Stress wahrgenommen wird. Daraus erwächst ein moralischer Appell, bei wahrgenommener Diskriminierung anderer Personen dazwischenzugehen, zu helfen, Beistand zu leisten und sich als Zeug*in zur Verfügung zu stellen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob eine Absicht, zu diskriminieren, vorgelegen hat oder nicht. Die Essenz der Mikroaggressionen liegt gerade in ihrer Unsichtbarkeit – häufig erfolgen sie unbewusst und auch unbeabsichtigt. Entscheidend ist vielmehr die Wirkung, also was bei der betroffenen Person ankommt und ob eine Handlung benachteiligend wirkt. Gerade, weil Sprache den Gegenstand, über den gesprochen wird, konstruiert und damit konkrete Auswirkungen auf die Welt hat, ist daher jegliche sprachliche Verniedlichung und Bagatellisierung von Rassismen zu vermeiden, die dazu dient, Diskriminierung zu verschleiern. Wenn Menschen mit Rassismus- und/oder Diskriminierungserfahrung uns auf diskriminierende Äußerungen hinweisen, ist es von enormer Bedeutung, ihnen zuzuhören und die Hinweise anzunehmen. Anstatt zu sagen: „Das war doch nicht so gemeint.“, können wir unsere eigene diskriminierende Sprache reflektieren und sagen: „Entschuldigung und vielen Dank für den wichtigen Hinweis!“
Quellen: Austin, J. L. (1957/2002). How to Do Things with Words. Zur Theorie der Sprechakte. Reclam: Stuttgart.
Bade, K. (2013). Kritik und Gewalt: Sarrazin-Debatte, „Islamkritik“ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft. Wochenschau Verlag: Frankfurt am Main.
Hornscheid, L. (2023). Nicht-diskriminierende Sprachverwendung und politische Correctness. In Scherr, A., El-Mafaalani, A., Yüksel, G. (Hrsg.), Handbuch Diskriminierung (S. 1013-1029). Springer VS: Wiesbaden.
Igel, U., Brähler, E., Grande, G. (2010). Der Einfluss von Diskriminierungserfahrungen auf die Gesundheit von MigrantInnen. Psychiatrische Praxis 2010; 37 (4), S. 183-190.
Kluge, U., Aichberger, M., Heinz, E., Udeogu-Gözalan, C., Abdel-Fatah, D. (2020). Rassismus und psychische Gesundheit. Der Nervenarzt, 91 (11), S. 1017-1024.
Pascoe, E. A. & Smart Richman, L. (2009). Perceived discrimination and health: a metaanalytic review. Psychological Bulletin, 135 (4), pp. 531-554.
Searle, J. (1982). Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie. Suhrkamp: Frankfurt am Main.
Sue, D. W., Capodilupo, C. M., Torino, G. C., Bucceri, J. M., Holder, A. M., Nadal, K. L., Esquilin, M. (2007). Racial microaggressions in everyday life: implications for clinical practice. American Psychologist, 62 (4), pp. 271-286.
Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan
Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung
Professor für Moderne Türkeistudien an derUniversität Duisburg-Essen
Fakultät für Geisteswissenschaften
