Rassistische Diskurse: Die Dauerpiekser in die Seele
21. September 2026UNTERWEGS – dokumentarisches Theater mit Jugendlichen mit Fluchterfahrung
21. September 2026von Karima Benbrahim
(Dieser Beitrag erschien zuerst in Mendel, Meron / Chema, Saba-Nur / Arnold, Sina (Hg.) (2022): Frenemies. Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen. Edition Bildungsstätte Anne Frank, 3. Verbrecher Verlag. Berlin. Wir danken Karima Benbrahim und dem Verbrecher Verlag herzlich für die Erlaubnis, den Beitrag in diesem ZMI Magazin wiederzuveröffentlichen.)
Rassismus hat viele Facetten: Sprache ist eine davon. In der Alltagssprache haben sich Redewendungen eingeschlichen, die diskriminierende Auswirkungen haben. Weil Rassismus auch aus Worten sprechen kann, wird durch die Sprache eine rassistische Normalität geschaffen – oder unterlaufen. Sie vermag es, ungleiche Machtverhältnisse zu verfestigen oder herauszufordern, Ungerechtigkeiten zu verdecken oder aufzudecken. Sie vermittelt Bilder und Vorstellungen, die über Generationen hinweg weitergegeben werden. Umgekehrt verändert diskriminierungssensible Sprache nicht umgehend gesellschaftliche Rahmenbedingungen, aber sie wirkt langfristig auf die Wahrnehmung der Normalität. Ein Beispiel hierfür ist die Diskussion um ein Interview der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Juli 2021, in dem diese das N- Wort im Zuge der Schilderung eines rassistischen Vorfalls an einer Schule aussprach. Vor Ausstrahlung entschuldigte Baerbock sich auf Twitter dafür, das Wort reproduziert zu haben, wurde in den sozialen Medien dennoch scharf dafür kritisiert. Nach der ersten Kritik folgte kurz danach eine weitere – man warf ihr Selbstzensur und politische Korrektheit vor. Dieses Beispiel veranschaulicht die schwierige Debattenkultur um diskriminierungssensible Sprache, selbst wenn sich Baerbock verantwortungsbewusst positioniert. Typisch für entsprechende Auseinandersetzungen ist folgendes: Eine Person nutzt rassistische Wörter und wird von einer anderen – meist einer Person mit Rassismuserfahrung – darauf hingewiesen. Daraufhin wird sich die erste Person im besten Falle kritisch mit der Bedeutung der Wörter auseinandersetzen und Verantwortung dafür übernehmen. Doch nicht selten folgen lange Diskussionen über Meinungsfreiheit und Sprechverbote mit der Konsequenz, dass verbale Gewalt gegenüber rassismuserfahrenen Menschen reproduziert und relativiert wird. Die Skandalisierung endet in einer abwehrenden Haltung, und dies führt beim Gegenüber wiederum zum Abbruch des Gesprächs. Um dieser Abwehr etwa in der Bildungsarbeit entgegenzutreten, ist es notwendig, den Raum für die Artikulation widersprüchlicher Erfahrungen zu öffnen und zwischen Schuld- und Verantwortungsübernahme zu unterscheiden. So plädiert Ingmar Pech: »Während Schuldgefühle lähmen oder Vermeidungs- und Verdrängungsmechanismen provozieren können, bedeutet Verantwortung, die eigene Situiertheit zu betrachten, anzunehmen und einer kritischen Reflexion zugänglich zu machen« (Pech 2006: 85). In einem verantwortungsvollen Umgang geht es hier weniger um den (unbeabsichtigten) Gebrauch rassistischer Wörter, sondern darum, die Reproduktion von rassistischen Diskursen sowie historische Kontinuitäten wahrzunehmen, zu kontextualisieren und zu dekonstruieren. Die Diskurse um rassistische Wörter sollten selbstreflexiv geführt werden. Gleichzeitig sollte betrachtet werden, welche Assoziationen sie in den Köpfen von Menschen schaffen. Die Verwendung rassistischer Sprache hat lange Tradition in Deutschland und liegt in der Zeit des deutschen Kolonialismus Anfang des 20. Jahrhunderts verortet. Rassistische Sprache diente als wirksames Machtinstrument, um die brutale und ausbeuterische Vorgehensweise in den Kolonien zu legitimieren. Schwarze Menschen und People of Color wurden als unterlegen, wild und barbarisch dargestellt. Rassistische Wörter sind kein Relikt des Kolonialismus, sondern ein »vitales Erbe, das sich tief in der Alltagssprache verwurzelt hat« (Arndt 2015: 125). Rassismus ist ein gesellschaftliches System, welches den Rahmen dafür bildet, dass Menschen aufgrund zugeschriebener oder tatsächlicher Merkmale besser oder schlechter behandelt werden. Je nach gesellschaftlicher Positionierung – weiß, Schwarz, Person of Color – wird Individuen und Gruppen ein unterschiedliches Maß an Anerkennung und Handlungsmöglichkeiten zugestanden. Die grundlegende Unterscheidungsform beruht auf der Gegenüberstellung eines natio-ethno-kulturellen »Wir« und »Ihr«, die durch gesellschaftliche und strukturelle Praktiken aufrechterhalten wird. Diese rassistischen Zuordnungen innerhalb der Gesellschaft spiegeln sich in der Sprache wider. Die wiederkehrende Erfahrung des Othering (zum Anderen gemacht werden), die sich in medialen und politischen Debatten wie die über das N-Wort, I-Wort oder »Nafri« äußert, ist eine gewaltvolle Praxis, die Menschen of Color in einen ständigen Erklärungszwang um ihre Zugehörigkeit bringt. Und die Dominanzgesellschaft stellt dadurch immer wieder klar, wer zum weißen »Wir« zählt. Derartige Praktiken gewähren einen Einblick in die historischen und aktuellen Diskurse um Zugehörigkeit und verweisen auf die Normalität von Rassismus – und auf die Herausforderung nicht rassistischen Sprechens und Handelns in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft. Annita Kalpaka und Nora Räthzel beschreiben dieses Dilemma als »[d]ie Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein« (Kalpaka et al. 2017). Das Sich-Einlassen auf den Prozess einer kritischen Selbstreflexion bedeutet, sich aus dem Gewohnten herauszubewegen, sich von dem eigenen hegemonialen Selbstbild, den angeeigneten Weltbildern und unhinterfragten Selbstverständlichkeiten in eine Distanz zu begeben, um Routinen im Denken und Handeln zu hinterfragen. Besonders in der pädagogischen Arbeit ist die Reflexion von Begriffen notwendig, um die transportierten Assoziationen zu hinterfragen. Dafür sollten wertschätzende Räume geschaffen werden, in denen Betroffene und Nicht-Betroffene die Wirkmächtigkeit gewaltvoller Bilder reflektieren. Wichtig hierbei kann die Betroffenenperspektive sein, um auf politische Selbstbezeichnungen und Widerstandsformen hinzuweisen. Eine rassismuskritische Reflexion erfordert zum einen das Aufzeigen der Wirkmächtigkeit von Sprache, und zum anderen ihre Dechiffrierung als »Gefäß« für rassistische Wissensbestände im Alltag. Durch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache sollte die Wahrnehmung geschärft und verändert werden. Es sollte möglich sein, auf bestimmte Begriffe zu verzichten und auf widerständiges Wissen von vulnerablen Gruppen zurückzugreifen. So kann der hegemoniale und gewohnte Anspruch in der Dominanzgesellschaft, darüber zu bestimmen, wann und wie etwas gesagt wird, gebrochen werden.
Quellen: Arndt, Susan (2015): Sprache, Kolonialismus und rassistische Wissensformationen. In: Arndt, Susan / Ofuatey- Alazard, Nadja (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster. S. 121–125.
Kalpaka, Annita / Räthzel, Nora / Weber, Klaus (2017): Rassismus: Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Hamburg.
Pech, Ingmar (2006): »Whiteness – akademischer Hype und praxisbezogene Ratlosigkeiten? Überlegungen für eine Anschlussfähigkeit antirassistischer Praxen«. In: Elverich, Gabi / Kalpaka, Annita / Reindlmeier, Karin (Hg.): Spurensicherung. Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft, Frankfurt a. M. / London. S. 63–92.
