Prävention von Diskriminierung und Rassismus im Unterricht
21. September 2026Deutschland mit COSMO besser verstehen – in neun verschiedenen Sprachen
21. September 2026von Elizaveta Khan für den Projektverbund der Integrationslots*innen
Empowerment durch Mehrsprachigkeit – Erkenntnisse aus der Forschung
Aktuelle Forschung zeigt, dass Mehrsprachigkeit kognitive, soziale und kulturelle Vorteile mit sich bringt. Sie fördert nicht nur Gehirnleistung und Kreativität, sondern stärkt auch Empathie und interkulturelle Kompetenzen. Solche Fähigkeiten sind eine wichtige Ressource für Empowerment – sowohl individuell als auch gesellschaftlich.
Fatima sitzt lächelnd an der Seite einer jungen Mutter im Wartezimmer. Sie hat dieser gerade geholfen, die Kita-Anmeldung auszufüllen. „Es ist gar nicht so schwer, wenn man es Schritt für Schritt macht“, flüstert sie auf Arabisch. Die junge Mutter atmet erleichtert auf – ein Moment, der weit mehr ist als ein Gang zu einer Behörde. Es ist ein Moment, in dem sich zeigt, welche wichtige Bedeutung nicht nur die sprachliche Übersetzung, sondern auch die emotionale Begleitung durch die Kölner Integrationslots*innen haben kann. Das Projekt „Integrationslots*innen“ gibt es in Köln seit 2009. Ehrenamtliche begleiten Menschen, die neu in der Stadt sind, zu Behörden, Schulen, medizinischen Terminen oder Wohnungsgesprächen. Sie übersetzen nicht nur Worte, sondern auch Körpersprache, Erwartungen und Regeln. Sie bieten Begleitung bei Diskriminierung, weisen auf Beratungsangebote hin und öffnen Zugänge zu Strukturen, die sonst für Menschen, die wenig oder keine Deutschkenntnisse haben, nur schwer zu erschließen sind. Viele der Engagierten kennen diese Situation aus eigener Erfahrung: Sie sind selbst mit Migration, Mehrsprachigkeit und dem Prozess des Ankommens vertraut. Dass Mehrsprachigkeit in einem überwiegend monolingual geprägten Land wertgeschätzt wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Während Englisch und Französisch häufig positiv bewertet werden, werden Sprecher*innen von Türkisch oder Kurdisch mitunter noch dazu aufgefordert, „doch bitte Deutsch zu sprechen“. Dabei ist Mehrsprachigkeit weit mehr als nur eine kommunikative Fähigkeit – sie ist ein Mittel zur Teilhabe, ein Schlüssel zu Empowerment. „Mehrsprachigkeit ist kein Handicap von Einwanderern mit Integrationsproblemen; sie ist eine der Grundvoraussetzungen für eine moderne Gesellschaft“, hält auch Claudia Maria Riehl, Leiterin des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians- Universität München, fest.
- Eine neuere Studie des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache und des Goethe-Instituts stellt fest, dass viele Teilnehmende in Integrationskursen das höchste Sprachniveau (B1) schwer erreichen – A2 wäre realistischer. Dennoch zeigen solche Kurse eine positive Wirkung auf die Integration in den Arbeitsmarkt, insbesondere für Frauen und schutzsuchende Menschen in Deutschland.
- Kognitive Vorteile der Mehrsprachigkeit sind zahlreich: Menschen, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, zeigen erhöhte Konzentrationsfähigkeit, bessere Aufmerksamkeitssteuerung und schnelleres Erkennen sprachlicher Strukturen, etwa beim Lesenlernen. Zusätzlich fördert Mehrsprachigkeit kreatives Denken – mehrsprachige Personen schneiden in Tests zur sprachlichen Originalität und figuralen Kreativität besser ab als monolinguale Menschen.
- Mehrsprachigkeit und Empathie hängen eng zusammen: Eine Studie der University of Chicago zeigt, dass Kinder in mehrsprachigen Umgebungen besser Perspektivenwechsel vollziehen und soziale Kompetenz sowie Empathie entwickeln.
- Eingeschränkte und oft widersprüchliche Haltungen im schulischen Kontext: Eine aktuelle Studie zeigt, dass viele Lehrkräfte Mehrsprachigkeit skeptisch begegnen. Sie glauben, dass sie die Deutschkompetenz gefährde – obwohl wissenschaftlich belegt ist, dass Familiensprachen den Erwerb der Bildungs- oder Zweitsprache unterstützen.
- Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) hat festgestellt: Migrantisch geprägte Organisationen (MSO), deren Hauptressource die Mehrsprachigkeit ist, bieten eine Vielzahl an Unterstützungsfeldern – von Kinder- und Jugendarbeit über Bildungsangebote bis zur Beratung schutzsuchender Menschen. Zwischen Empowerment, Kooperation und Professionalisierung pendelnd, leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Zahlen, die Menschen verbinden
Allein 2024 haben die Integrationslots*innen in Köln über 6.800 Menschen begleitet – in 2.327 Einsätzen in verschiedenen Sprachen, von Ukrainisch über Dari bis Somali oder Türkisch. Sie übersetzten Amtsbriefe, erklärten medizinische Berichte und unterstützten beim Elternsprechtag. Die Einsätze dauern zwischen 30 Minuten und fünf Stunden. Viele Lots*innen durchqueren die ganze Stadt, um Menschen dort zu erreichen, wo sie gerade sind. Die Koordination erfolgt durch fünf Träger, finanziert und organisiert von der Stadt Köln. Mit einem jährlichen Budget von 33.000 € wird das Projekt ermöglicht – eine vergleichsweise moderate Summe, die eine große Wirkung entfaltet. Doch das Geld reicht nicht, um alle Einsätze zu honorieren. Viele Lots*innen engagieren sich weiterhin – aus Überzeugung: „Wenn ich helfen kann, dann mache ich es. Ich erinnere mich noch genau, wie es war, als ich selbst neu in Köln war.“, sagt Rahéd, seit fünf Jahren dabei.
Empowerment in Aktion – Teilhabe in jeder Sprache
Bei jedem Termin, ob Kita, Schule oder Behörde, schaffen die Integrationslots*innen einen Raum, in dem Menschen ernst genommen und verstanden werden. Sie geben Sicherheit und Orientierung. Sie stärken das Selbstvertrauen und geben eine Stimme – bis die eigene Stimme laut genug ist. Ihre Mehrsprachigkeit ist weit mehr als eine praktische Fähigkeit. Sie ist eine Brücke zur Verwaltung, zur Bildung, zur Gesundheitsversorgung – aber auch zur kulturellen Anerkennung, zur Selbstwirksamkeit und zur gesellschaftlichen Teilhabe. Es ist dieser Teilhabeaspekt, der Mehrsprachigkeit zum Empowerment macht: Menschen, die oft marginalisiert sind, erleben durch sprachliche Unterstützung, dass sie gesehen und gehört werden. Und sie erleben, wie ihre Sprachen und Identitäten nicht nur relevant sind, sondern eine wichtige Ressource. Mehrsprachigkeit ist mehr als Kommunikation. Sie ist Empowerment. In Köln zeigt sich das besonders eindrücklich: Integrationslots*innen ermöglichen Teilhabe – in jeder Sprache, mit jeder Erfahrung.
Ein Einblick in die Praxis der Integrationslots*innen
Ich bin Samira, 36 Jahre alt, und seit vier Jahren Integrationslotsin in Köln. Als ich vor 15 Jahren aus Marokko nach Deutschland kam, hatte ich niemanden, der mich durch den Behördenwirrwarr führte. Ich lernte die Sprache Stück für Stück – und schwor mir, Anderen diesen Weg leichter zu machen. Heute spreche ich vier Sprachen fließend und nutze sie, um Brücken zu bauen. Viele denken, meine Aufgabe als Integrationslotsin sei nur, zu übersetzen. Aber das stimmt nicht. Ich will nicht, dass die Menschen mich immer brauchen – ich will, dass sie selbst stark werden. Wenn ich heute mit Laila zum Jobcenter gehe, erkläre ich ihr nicht nur, was die Sachbearbeiterin sagt, sondern auch, wie sie die Formulare selbst ausfüllen kann. Beim nächsten Mal macht sie es alleine. Genau das ist Empowerment: Selbstvertrauen wächst, wenn man die eigenen Fähigkeiten nutzt. Ich erinnere mich an eine ältere Frau aus Syrien, die Angst hatte, allein zum Arzt zu gehen. Nach drei Terminen trafen wir uns zufällig in der Praxis, die ich auch als Patientin aufsuche; sie kam ohne mich und winkte mir aus dem Wartezimmer. Das sind die kleinen Siege, die mich tragen. Es gibt auch Herausforderungen – natürlich. Es passiert an sich jedes Jahr, dass das Budget knapp wird und wir keine Aufwandsentschädigungen erhalten können. Manche Lots*innen hören auf, weil sie es sich nicht leisten können, denn wir fahren ja auch viele Wege, und ein Einsatz kann bis zu einem halben Tag dauern. Auch erleben wir in der Praxis diskriminierende Situationen. Zum einen, wenn die Personen, die wir begleiten, schlecht behandelt werden, weil sie noch nicht ausreichend Deutsch sprechen, und zum anderen auch gegenüber uns. Ich erlebe oft, dass ich als Schwester oder Tante wahrgenommen werde, obwohl ich doch gar nicht mit den Menschen verwandt bin. Da hilft nur: Selbstbewusstsein und ein Namensschild, damit direkt deutlich wird, dass ich als begleitende Person dabei bin und eine Organisation hinter mir steht. Wir wissen, wie wichtig unsere Arbeit ist und geben nicht auf – gerade jetzt, wo so viele Menschen aus der Ukraine, Afghanistan oder anderen Kriegsgebieten in Köln ankommen. Deswegen machen wir weiter. Ich sage oft zu den Menschen, die ich begleite: „Ich bin deine Stimme, bis deine eigene laut genug ist.“ Und irgendwann höre ich sie dann: klar, fest und selbstbewusst. An diesem Tag weiß ich: Es lohnt sich.
Quellen:
Cindark, I. et al. (2019): Perspektive Beruf. Mündliche Kompetenz von Teilnehmenden an Integrationskursen und Vorschläge für die Praxis, Kooperation des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) und des Goethe-Instituts.
https://ids-pub.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/9202/file/Cindark_etal._ Perspektive_Beruf_2019.pdf
D’Souza, D., Brady, D., Haensel, J. X. et al. (2021): Early bilingual experience is associated with change detection ability in adults. Sci Rep 11, 2068. https://www.nature. com/articles/s41598-021-81545-5
Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR-Forschungsbereich) 2020: Vielfältig engagiert – breit vernetzt – partiell eingebunden? Migrantenorganisationen als gestaltende Kraft in der Gesellschaft, Berlin. https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2023/01/ SVR-FB_Studie_Migrantenorganisationen-in-Deutschland.pdf
Dr. Kinzler, Katherine (2021): “How Language Shapes Your Identity”, Being Well Podcast. https://rickhanson.com/being-well-podcast-how-language-shapes-your-identitywith-dr-katherine-kinzler/
Klie, Anna Wiebke (2021): „Zwischen Empowerment, Kooperation und Abhängigkeit Migrantenselbstorganisationen als Integrationsakteure in Deutschland“, APuZ. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/flucht-und-migration-2024/555935/ zwischen-empowerment-kooperation-und-abhaengigkeit/
Lange, S. D., Huxel, K., Then, D. et al. (2025): Soziale Teilhabe in mehrsprachigen Klassenzimmern? Überzeugungen von Grundschullehrkräften zum Einbezug von Mehrsprachigkeit im Unterricht. Z f Bildungsforsch 15, 525–547.
„Diversity: ©heimrich und hamot Logo: © Ministerium
https://link.springer.com/article/10.1007/s35834-025-00493-6
Weiterführende Literatur:
Mehrsprachigkeit: https://mediendienst-integration.de/integration/mehrsprachigkeit.html
Panagiotopoulou, Argyro (2016): Mehrsprachigkeit in der Kindheit. Perspektiven für die frühpädagogische Praxis. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WiFF Expertisen, Band 46. München. https://www.weiterbildungsinitiative.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/old_uploads/media/Exp_Panagiotopoulou_web.pdf
Prof. Dr. Riehl, Claudia Maria (2022): Sprachjongleure. Aufbruch in ein neues Leben: Linguistin Claudia Maria Riehl erforscht, wie Mehrsprachigkeit für Kinder und Jugendliche zum Türöffner in einem anderen Land wird.
https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/sprachjongleure.html
Rückl, Michaela [Hrsg.] (2016): Sprachen und Kulturen: vermitteln und vernetzen. Beiträge zu Mehrsprachigkeit und Inter-/Transkulturalität im Unterricht, in Lehrwerken und in der Lehrer/innen/bildung. Münster; New York: Waxmann
https://www.pedocs.de/volltexte/2017/15135/pdf/Rueckl_2016_Sprachen_und_Kulturen.pdf
