Sprache macht Rassismus
21. September 2026MOSAIK-Netzwerk: Vielfalt sichtbar machen – Vielfalt gemeinsam gestalten
21. September 2026von Svetlana Fourer, Stella Shcherbatova und Olga Moldaver
Wie lässt sich auf der Bühne erzählen, was sprachlos macht – Krieg, Verlust, Neuanfang, Identitätsbrüche? Kann Theater Räume schaffen, in denen neben Deutsch auch Herkunftssprachen gesprochen werden, um Erfahrungen, Fragen und Wünsche sichtbar zu machen? Kann ein Museum der Kulturen der Welt der Raum sein, in dem sich geflüchtete Jugendliche nicht fremd, sondern als neuer und selbstverständlicher Teil unserer Stadtgesellschaft fühlen und sich dieser mitteilen? Diese engagierten Fragen brachten sieben Lehrerinnen internationaler Förderklassen von drei Kölner Berufskollegs auf Einladung des ZMI und des Museumsdienstes der Stadt Köln zu einer Fortbildung des JTK (Junges Theater Köln) zu dokumentarischem Theater mit Jugendlichen.
Die Fortbildung schloss an das sehr erfolgreiche und mehrfach preisgekrönte Theaterprojekt STIMMEN von Junges Theater Köln und Museumsdienst der Stadt Köln an, das von 2022 bis 2024 umgesetzt wurde. In STIMMEN erzählten Mädchen und junge Frauen, die erst vor wenigen Wochen und Monaten aus der Ukraine geflohen waren, gemeinsam mit schon lange in Deutschland lebenden Mädchen, u. a. aus Syrien, in den Ausstellungsräumen des Rautenstrauch-Joest-Museums Geschichten ihrer Flucht und ihre Familiengeschichten auf Ukrainisch und Deutsch. ZMI und Museumsdienst luden anschließend das JTK-Team mit Regisseurin und Dramaturgin Svetlana Fourer und Psychologin Stella Shcherbatova ein, ihr Know-how an Pädagog*innen der Berufskollegs weiterzugeben und diese dabei zu unterstützen, eigene dokumentarische Projekte mit ihren Schüler*innen aus internationalen Förderklassen umzusetzen.
Projektaufbau und Methodik Das Projekt lief von September 2024 bis Juni 2025 und bestand aus drei Phasen:
Phase 1: Vorbereitung • Planung der Fortbildung durch das JTK-Team, Rosella Benati und Abdullah Bakkar vom ZMI sowie Dominik Fasel vom Museumsdienst Köln • Einladung der Lehrer*innen durch das ZMI • Präsentation von Fortbildung und Projektidee
Phase 2: Fortbildung der Lehrkräfte • Dreitägige Block-Fortbildung für Lehrkräfte, um Grundlagen des dokumentarischen Theaters kennenzulernen, autobiografisches Arbeiten anzuleiten und mit sensiblen Themen wie Flucht, Diskriminierung, Trauma und Identität verantwortungsvoll umzugehen
Phase 3: Theaterpädagogische Projektarbeit • Begleitete theaterpädagogische Projektarbeit mit Jugendlichen gemeinsam mit dem JTK-Team (Svetlana Fourer, Stella Shcherbatova, Olga Moldaver) und Theaterpädagogin Sina Marx – inkl. Museumsbesuchen, Schreibprozessen, Sprachtrainings, Proben und Erstellung von Animationen • abschließende Präsentation im Rautenstrauch-Joest-Museum
Einige der teilnehmenden Lehrer*innen hatten bereits Erfahrungen in Theaterpädagogik, andere fingen erst mit der Fortbildung damit an. Alle einte der Wunsch, die Schüler*innen bestmöglich dabei zu unterstützen, das Erlebte mitzuteilen und dadurch zu verarbeiten – denn traumatische Erlebnisse vergisst man zwar nicht, doch kann man lernen, damit umzugehen und einen Platz für diese Erinnerung im eigenen Bewusstsein finden.
In der Fortbildung wurden in verschiedenen Modulen zentrale Werkzeuge dokumentarischer Theaterarbeit präsentiert: vom biografischen Interview über kreative Techniken des autobiografischen Erzählens bis hin zu Aufbau und Ausarbeitung einer finalen Textfassung und szenischer Gestaltung. Es wurden Themen aus der Lebenswelt der Jugendlichen besprochen und mögliche Anhaltspunkte für die zukünftige Performance skizziert.
In drei Fortbildungstagen war es nicht möglich, die komplexen Themen umfassend zu besprechen, Impulse konnten aber gesetzt werden. Anschließend begann die praktische Arbeit mit Jugendlichen aus Förderklassen des Berufskollegs Südstadt, des Hans-Böckler-Berufskollegs und des Richard-Riemerschmid-Berufskollegs. Nach den Einführungsveranstaltungen war vorgesehen, dass die Lehrkräfte eigenständig mit den Jugendlichen arbeiten und das JTK-Team punktuell Hilfestellungen bei Inszenierung und Dramaturgie bietet. Die Realität zeigte jedoch, dass im Schulalltag zu wenige Ressourcen dafür freigemacht werden konnten. Damit die Jugendlichen dennoch am Projekt teilnehmen konnten, verlängerte das JTK-Team ein eigenes, von der Aktion Mensch gefördertes, Projekt und konnte dadurch mit den Jugendlichen intensiv weiterarbeiten. Zwei der drei Berufskollegs blieben bis zum Abschluss dabei.
Während der Arbeit an der Performance widmeten sich die Gruppen gemeinsam wichtigen Fragen:
Wie erzähle ich das, was ich erlebt habe, und wer interessiert sich für meine Geschichte?
Wie traue ich mich, meinen Körper, meine Stimme und meine Kreativität zu zeigen?
Wie kann ich mich sprachlich ausdrücken?
Die Antwort des JTK darauf war die gelebte Mehrsprachigkeit – als ästhetische und politische Strategie. Sprachen wie Paschtu, Dari, Ukrainisch, Portugiesisch, Kasachisch und Türkisch wurden neben dem Deutschen in der Performance und bei den Proben als Ausdruck persönlicher Identität gewürdigt. Mit Hilfe von Übersetzer*innen und durch die gemeinsamen Bemühungen wurde das Theater so zu einem Ort der Selbstermächtigung. Über 40 Jugendliche waren an der Aufführung UNTERWEGS am 28. Juni 2025 im Rautenstrauch-Joest-Museum beteiligt.
Die meisten performten selbst, andere arbeiteten an Kostümen oder Requisiten. Theaterpädagogin Sina Marx brachte die Idee ein, die Geschichten der Jugendlichen mit Animationen zu begleiten. Diese Aufgabe übernahmen zeichnerisch sehr begabte Mädchen aus der Ukraine und gestalteten durch detaillierte Zeichnungen Geschichten von Jungen mit afghanischem Familienhintergrund, welche in ausführlichen Interviews ihre Fluchtgeschichten erzählt hatten. Mit der dramaturgischen Unterstützung von Svetlana Fourer wurden Storyboards für Animationen entwickelt, welche die Mädchen mit Procreate® zeichneten und animierten. Dank Untertiteln konnte das Publikum bei der Performance diese Geschichten mitverfolgen, während die Jungen sie live auf Paschtu und Türkisch erzählten. Eine der ukrainischen Jugendlichen erzählte später, dass sie beim Zeichnen auch ihre eigene Fluchtgeschichte verarbeitet habe.
Über mehrere Räume des Museums wurde das Publikum in verschiedene Erlebnisse einbezogen: Folkloretänze und Spiele konnten selbst umgesetzt werden, das Publikum hörte einen von einem Jugendlichen geschriebenen und live performten Rapsong, sah choreographische Elemente und wurde zu einem Essen an Ramadan eingeladen. Die Aufführung wurde so zum bewegenden Moment der Anerkennung – für Sprachen, Geschichten und Biografien, die sonst kaum Raum finden.
Mit 60 Personen war die Aufführung komplett ausgebucht. Beim Nachgespräch zeigte sich das Publikum tief beeindruckt von der Leistung der Performer*innen, von ihren Geschichten und von ihrem Mut und Engagement, sich öffentlich damit zu präsentieren.
Für die Lehrerinnen der Berufskollegs ging mit der Aufführung eine intensive Projektzeit zu Ende. Neben dem regulären Schulbetrieb zeitliche Kapazitäten für das Projekt freizumachen und die Jugendlichen zum Durchhalten zu animieren sowie ein Team aus einer heterogenen, mehrsprachigen Gruppe aufzubauen, war herausfordernd und hat allen Beteiligten viel abverlangt. Dennoch – oder gerade deswegen – war das Projekt für viele ein Wendepunkt. Pia Steffens, Projektleiterin am BK Südstadt, blickt differenziert, aber mit klar positiven Eindrücken, zurück: „Das Projekt war deutlich umfangreicher, als es bei schulischen Projekten der Fall ist. Hätten wir das im Vorfeld geahnt, hätten wir uns vielleicht nicht gemeldet – und das wäre im Nachhinein sehr schade gewesen.“
Die Rolle der psychologischen Begleitung im Projekt Zentrale Voraussetzung für die theaterpädagogische Arbeit in einem solchen Projekt ist ein besonders achtsamer Umgang mit den individuellen Lebensgeschichten der Jugendlichen und den damit verbundenen Risiken einer Retraumatisierung. Viele Teilnehmende haben Erfahrungen von Krieg, Flucht und Verlust hinter sich, die nicht nur das emotionale Erleben, sondern auch das Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen geprägt haben. In einem künstlerischen Prozess, der tiefere Ebenen von Erinnerung, Identität und Selbstwahrnehmung berührt, ist es unabdingbar, Räume zu schaffen, in denen Sicherheit, Freiwilligkeit und Wertschätzung oberste Priorität haben. Die psychologische Präsenz ermöglicht, sensible Themen wie Diskriminierung, kulturelle Entwurzelung und die Suche nach einer neuen Identität im geschützten Rahmen zu bearbeiten. Auch die schulische Sozialarbeit spielt dabei eine wesentliche Rolle, sodass ein tragfähiges Netz aus Unterstützung und Schutz entsteht – eine wesentliche Voraussetzung, damit aus potenziell verletzenden Situationen stärkende Erfahrungen werden konnten.
Emotionale Zugänge Der vielleicht kraftvollste Aspekt des Projektes lag in dem emotionalen Raum, den es zu öffnen vermochte. Für viele der Jugendlichen war es eine neue Erfahrung, dass ihre Geschichte „erzählt werden darf“, Gewicht und Wert hat. Die Arbeit an Szenen, Texten und improvisierten Dialogen wurde zu einer behutsamen Annäherung an das eigene Ich – an verdrängte Erinnerungen ebenso wie an verborgene Ressourcen, neue Hoffnungen und neuen Mut. Dieser künstlerische Prozess bot die Möglichkeit, innere Bilder in eine sichtbare Form zu bringen und kollektive wie individuelle Erzählungen zu würdigen.
Die Effekte auf die Jugendlichen beschreibt Pia Steffens: „Diejenigen, die auf der Bühne standen, entwickelten mehr Konzentrationsfähigkeit, ein geschärftes Körper- und Ausdrucksbewusstsein sowie Selbstvertrauen. Auch die anderen nahmen aus Proben, Sprach- und Schauspielübungen viel mit – bis hin zu einer spürbaren Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse und Aussprache. Für die gesamte Gruppe blieb das Projekt ein kraftvoller Impuls, der weit über die Aufführung hinauswirkt. Traumaarbeit ist kein gewöhnliches Theater-Schulprojekt. Sie erfordert viel psychologische Begleitung. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein – aber ein kostbarer.“
Eine Teilnehmerin verdeutlicht ihre Erkenntnis aus der Theaterarbeit beim Publikumsgespräch: „Ich habe verstanden, wenn einem Menschen im Leben etwas passiert, dann muss man das akzeptieren. Dieser Mensch muss das nicht als Hindernis sehen, sondern als seinen Weg.” Ein Teilnehmer sagte: „Es war spannend und ganz neu für mich, aber ich habe gesagt, ich mache da mit. Das ist für mich richtig. Die Proben waren schwer, aber wir haben sehr viel gelernt. Jetzt, nach der Aufführung, bin ich glücklich. Ich möchte weiter Theater machen.” Ein anderer Teilnehmer erzählte: „Viele Menschen haben jetzt meine Fluchtgeschichte gehört, vorher habe ich sie nur meiner Familie und meinen Betreuern erzählt. Ich finde es gut, mit so vielen Menschen darüber gesprochen zu haben.”
Fazit und Ausblick UNTERWEGS war mehr als ein Theaterprojekt. Es war ein Ort des Zuhörens, des Erlebens, des Neubeginns. Die Beteiligten waren nicht nur unterwegs im wörtlichen Sinn – sie begaben sich gemeinsam auf eine Reise in sprachliche, kulturelle und emotionale Räume, die selten betreten werden. Für das JTK- Team bestätigte sich einmal mehr: Theaterarbeit mit Jugendlichen aus internationalen Klassen ist weit mehr als Integration – sie kann eine Form der Transformation sein, im Sinne eines veränderten Selbstbildes, einer gestärkten Stimme und einer gelebten Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben.
Gleichzeitig war UNTERWEGS ein Pilotprojekt – und wie bei jedem Pilotprojekt wurde deutlich: Es braucht mehr Zeit, mehr Ressourcen, mehr Kontinuität. Aus den Erfahrungen erwachsen konkrete Zukunftsideen:
- eine Wiederaufnahme des Projektes in kleinerem Umfang, aber mit längerer Laufzeit • eine systematische Lehrer*innenfortbildung mit längeren Modulen • die Einbindung psychosozialer Fachkräfte als fester Bestandteil • der Aufbau eines mehrsprachigen Jugend-Theaterfestivals in Köln • die Verankerung der Themen Trauma, Flucht und Identität im schulischen Curriculum
Pia Steffens fasst eine Kernerkenntnis des Projektes zusammen: „Wir brauchen für diese Klassen dringend dauerhafte, am besten tägliche, psychologische Unterstützung sowie kontinuierliche Sozialarbeit.“ Die Verbindung von dokumentarischem Theater und Mehrsprachigkeit kann dabei ein Schlüssel sein für kulturelle Bildung, Empowerment und gesellschaftliche Öffnung.
Das Junge Theater Köln, das ZMI und der Museumsdienst Köln danken allen Beteiligten – insbesondere den mutigen Jugendlichen – und freuen sich auf zukünftige Wege.
