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21. September 202630 Jahre Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
21. September 2026Sprache ist ein sehr machtvolles Instrument, das Menschen schon seit Jahrhunderten einsetzen. Sie kann etwas benennen oder jemanden zum Schweigen bringen. Sie kann Realitäten erschaffen und verschwinden lassen. Sie kann gewaltvoll oder empathisch sein. Sprache ist außerdem ein ermächtigendes Instrument: Eine Sprache zu sprechen, kann uns helfen, Zugehörigkeit zu erleben. Sie kann Erlebtes sichtbar und teilbar machen und Ohnmacht in Handlungsmacht verwandeln. In der Antidiskriminierungsarbeit bei deepower e. V. beschäftigen wir uns unter anderem damit, wie Sprache unsere Realität prägt und welche Auswirkungen das hat. Immer wieder erleben wir, dass sowohl Jugendliche als auch Erwachsene, die selbst Diskriminierung erfahren, durch Wissen über Diskriminierungsformen einen neuen Blick auf sich selbst entwickeln. Nicht selten teilen erwachsene Teilnehmende mit, dass sie ihre Kindheitserfahrungen besser einordnen können und verstehen, was „damals“ passiert ist. Für solche Erkenntnisse ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, was Diskriminierung überhaupt ist und was sie mit Macht zu tun hat. Gleichzeitig müssen wir uns trauen, gängige Erzählungen zu hinterfragen und neu zu denken.
Diskriminierung als Form von Gewalt Diskriminierung ist eine Form von Gewalt, die sich in Ungleichbehandlung, Ausgrenzung, Nicht-Beachtung, Entwertung, Schikane oder in subtileren Formen der Andersmachung äußern kann. Grundlage dafür ist immer die Zugehörigkeit zu – oder die Zuschreibung von – bestimmten Identitätsmerkmalen. Diese Identitätsmerkmale, häufig auch Differenzkategorien genannt, beziehen sich beispielsweise auf Hautfarbe, Religion, Herkunft oder Kultur, auf (un)sichtbare Behinderungen oder chronische Erkrankungen, auf geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung, auf soziale und finanzielle Ressourcen und nicht zuletzt auch auf Sprache. Auch wenn das Grundgesetz in Deutschland den Grundsatz der Gleichbehandlung vorsieht, stehen diese Merkmale in der Realität nicht gleichberechtigt nebeneinander. Gesellschaften ordnen bestimmte Merkmale in Hierarchien ein, die auf Vorstellungen von Ungleichheit beruhen und sich über Jahrhunderte hinweg herausgebildet haben. Manche Eigenschaften gelten als „Norm“ oder „Standard“ und bringen dadurch Vorteile (Privilegien) mit sich, während andere abgewertet werden und Benachteiligungen nach sich ziehen. So werden etwa weiße (Weißsein bezeichnet eine soziale und politisch konstruierte Position innerhalb rassistischer Machtverhältnisse. (vgl. Amnesty International Deutschland e. V. o. J.: Glossar für diskriminierungssensible Sprache. Abrufbar unter: https://www.amnesty. de/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache [aufgerufen am 15.12.2025]) weiße Menschen in prestigeträchtigen Berufen wie Medizin, Politik oder Wissenschaft überproportional repräsentiert sind und in kulturellen Produkten – etwa in Kinderbüchern oder Filmen – als selbstverständliche Hauptfiguren erscheinen.)
Sie ist weniger eine Frage von reeller Hautfarbe als vielmehr von Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Norm, die historisch durch Kolonialismus und Rassismus hergestellt wurde. Privilegien des Weißseins zeigen sich unter anderem darin, dass Menschen, cis Männer (Die Vorsilbe „cis beschreibt, dass ein Mensch in dem Geschlecht lebt, das nach der Geburt verkündet wurde.“ (FUMA Fachstelle Gender & Diversität NRW (2025): Internetpräsenz. #CIS-GENDER. Abrufbar unter: https://www.gender-nrw.de/cis-gender/ [aufgerufen am 15.12.2025]) , Personen ohne Behinderung, Menschen aus der Mittelschicht oder heterosexuelle Personen häufig als selbstverständlich und „neutral“ wahrgenommen. Wer von dieser Norm abweicht – zum Beispiel als Frau, Person of Color, queere Person, Mensch mit Behinderung oder mit Armutserfahrung – wird oft mit Barrieren, Vorurteilen und Ausschlüssen konfrontiert. Diese Hierarchisierung zeigt, dass Privilegien und Diskriminierungen nicht zufällig entstehen, sondern systematisch wirken und gesellschaftliche Machtverhältnisse absichern. Diskriminierung zeigt sich darüber hinaus in unterschiedlichen Formen – physisch, psychisch oder verbal – und auf verschiedenen Ebenen: im direkten Miteinander (interpersonell), in Strukturen und Regelwerken (strukturell) oder in gesellschaftlichen Interpretationen und Erzählmustern (diskursiv).
Wie Sprache und Diskriminierung zusammenhängen Nehmen wir das Beispiel von Christoph Kolumbus: Vor über 400 Jahren „entdeckte“ er angeblich Amerika. Diese Erzählung wird bis heute in vielen Schulbüchern weitergetragen. Allerdings ist dies keine „neutrale“ Beschreibung, sondern eine gewaltvolle Erzählung, in der die vermeintliche Machtposition des „Entdeckers“ gegenüber den „Entdeckten“ deutlich wird. Selbst im Wort „Ind***er“ steckt diese Geschichte noch, weil Christoph Kolumbus glaubte, in Indien gelandet zu sein. So zeigt sich, wie Sprache koloniale Machtverhältnisse nicht nur beschreibt, sondern über Jahrhunderte hinweg fortschreibt. Bezeichnend ist, dass dieses Narrativ auch im Jahr 2025 noch so unhinterfragt gesellschaftlichen Anklang findet, dass ein Film wie „Das Kanu des Manitu”, der dieses Narrativ reproduziert, erneut die Kinosäle füllt und Rekordzahlen schreibt. Was wir benennen und weitererzählen, bleibt in unserem Gedächtnis. Umgekehrt bedeutet das, was verschwiegen oder ausgelassen wird, verschwindet schnell aus dem kollektiven Bewusstsein. Dass es in Europa bis in die 1960er Jahre sogenannte „Menschenzoos“ gab, taucht in kaum einem Schulbuch auf und bleibt so für viele unsichtbar. Nicht umsonst entwickelten versklavte Menschen eigene Kommunikationsformen, weil ihnen das Sprechen verboten war: Sie flochten Fluchtwege in die Haare oder nutzten Trommeln, um Informationen weiterzugeben. Sprache und Ausdruck entscheiden also darüber, welche Lebensrealitäten gelebt, erinnert und welche ausgelöscht werden. Auch die Abwertung von Sprachen hat eine lange Geschichte. Im Zuge des europäischen Kolonialismus wurden hunderte indigene Sprachen verboten. Mit ihnen gingen nicht nur Identitäten und Zugehörigkeitsgefühle verloren, sondern auch ganze Weisen, die Welt wahrzunehmen und Wissen weiterzugeben. Diese Abwertung ist eine Form von Rassismus und hat einen Namen: Linguizismus. Linguizismus führt dazu, dass Jugendlichen vermittelt wird: „Deine Sprache zählt nicht.“ Besonders sichtbar wird er in der Bewertung von Mehrsprachigkeit im Kontext Schule, wenn zum Beispiel Arabisch, Romanes oder Lingala abgewertet werden, während Englisch oder Französisch als wertvolle Sprachen gelten. Auch im Umgang mit Jugendsprache zeigt sich Linguizismus: Wer Jugendslang belächelt, signalisiert, dass die Lebenswelten junger Menschen nicht ernst zu nehmen seien. Das trifft vor allem diejenigen, die ohnehin Klassismus erleben. Auf diese Weise wird Sprache zu einem Instrument der Abwertung und Diskriminierung. Sprache ist dabei immer auch politisch. Wer die Macht hat, entscheidet, was gesagt werden darf und was nicht. Ein drastisches Beispiel ist die Liste von Begriffen, die in den USA unter Donald Trump aus offiziellen Dokumenten gestrichen wurden. Sprache verschwindet nicht einfach, sie wird aktiv verdrängt.
Diskriminierung muss benannt werden (können) Wenn Schüler*innen Diskriminierung erleben, fehlt es Lehrkräften häufig an relevantem Wissen. Zugleich sind viele Lehrkräfte verunsichert und fragen sich „Darf ich das sagen?“ oder „War das diskriminierend?“. So entsteht eine doppelte Ohnmacht: Schüler*innen erleben Diskriminierung in Schulbüchern, durch Mitschüler*innen oder Lehrkräfte und erfahren zugleich, dass die erwachsenen Bezugspersonen diese Diskriminierung nicht benennen können. Viele Jugendliche, die wir im Rahmen unserer Antidiskriminierungsarbeit begleiten, kennen Sätze wie „Das bildest du dir ein.“
oder „Das war doch nur Spaß.“, wenn sie Diskriminierung benennen. Solche Aussagen stehen für eine Erfahrung, die heute als Gaslighting bezeichnet wird und die ständige Infragestellung der eigenen Wahrnehmung beschreibt. Fachlich spricht man auch von sekundärer Viktimisierung: Diskriminierungserfahrungen werden nicht ernst genommen oder entwertet, was die Belastung noch verstärkt. Die Folgen sind gravierend, denn Diskriminierung macht nachweislich krank. Sie verursacht Stress, schwächt das Immunsystem und belastet sowohl Körper als auch Psyche. Deshalb ist es enorm wichtig, dass Jugendliche mit Diskriminierungserfahrung Worte dafür finden. Sprache verändert sich mit den Menschen, die sie sprechen, und eröffnet dadurch Räume für Widerstand. Wer Worte für das eigene Erleben hat, kann sich wehren, kann Muster erkennen, Gewalt benennen und Rechte einfordern. Besonders sichtbar wird das, wenn sich Menschen verletzende Begriffe „zurückholen“ und sie als sogenannte Geusenwörter neu besetzen. Sich gewaltvolle Sprache anzueignen, kann ein Akt der Rebellion sein, ein „Wir lassen uns nicht kleinmachen“. Damit das gelingt, müssen wir die Geschichte dieser Worte kennen und verstehen, was sie in uns auslösen. Genau hier setzt unsere Arbeit bei deepower e. V. an: deepower e. V. ist ein gemeinnütziger Verein aus Köln, der Bildungs- und Empowermentarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchführt. Empowerment bedeutet dabei für uns, Sprache als Werkzeug zu nutzen, um Erfahrungen von Abwertung in Handlungsmacht zu verwandeln. Als Verein schaffen wir Räume, in denen Jugendliche und Erwachsene Worte für das finden, was sonst ungehört bleibt, in denen sie über Diskriminierung und soziale Ungleichheit sprechen können und gleichzeitig ihre Stärken, Talente und Perspektiven entdecken. Mit Workshops, AGs an Schulen, Jugendprojekten, kulturellen Veranstaltungen und Fortbildungen für pädagogisches Personal setzen wir uns für mehr Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Empowerment ein. Unser Ziel ist es, Ohnmachtserfahrungen in Handlungsmacht zu verwandeln und gemeinsam eine diskriminierungssensible, solidarische Gesellschaft zu gestalten.
